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Salomo Friedlaender/Mynona
In das Jahr 2006 fallen der 135. Geburtstag des deutschen Philosophen und Satirikers Salomo Friedlaender/Mynona (* 4. Mai 1871), sein 60. Todestag († 9. September 1946) und der 150. Geburtstag seines philosophischen Lehrers Ernst Marcus (* 3. September 1856). Nicht nur diese Gedenktage nehmen die Herausgeber zum Anlaß für die längst überfällige Herausgabe der Schriften, Briefe und Nachlaßtexte von Friedlaender/Mynona.
Zu entdecken ist ein Metaphysiker von ungeahnter Tiefe, ein Literar- und Kulturkritiker von bestürzender Aktualität, ein unerschöpflich genialer Sprachmeister, ein Satiriker und Parodist vom Rang eines Lichtenberg oder Voltaire – der lachende Inszenator des „großen Immanuel Unbekannt“.
Friedlaender/Mynonas philosophischer Denkweg läßt sich in die Formel fassen: Von Schopenhauer und Nietzsche durch Ernst Marcus zu Kant – und über Kant hinaus. Nachhaltig geprägt durch den Altkantianer Marcus (1856-1928, Justizrat in Essen), weist er unermüdlich auf Kants Impulse hin: Gesetzesbegriff, Revolutionsprinzip, Vernunftreligion, Weltfrieden, Recht und Freiheit. Solche Forderungen der Vernunft können nicht von außen an den Einzelnen herangetragen werden, sondern sind aus dem Inneren der Person heraus zu kultivieren, aus der „schöpferischen Indifferenz“, dem „Heliozentrum“ als absoluter Mitte zwischen allen Extremen.
Friedlaender/Mynona hat im Lauf von 50 Jahren ein umfangreiches und vielgestaltiges Werk geschaffen, das jenseits trivialer Trennungen von Philosophie und Literatur als ein „Vernunftgewitter“ wirken sollte. Geboren 1871 in Gollantsch (Posen, heute Polen), studiert er Medizin, dann Philosophie in München, Berlin und Jena. Seit 1902 lebt er in Berlin. Um 1910 beginnt er unter dem Namen Mynona Grotesken zu veröffentlichen, die ihn im deutschen Sprachraum rasch bekannt machen. In dieser von ihm zur Meisterschaft gebrachten Form, ebenso in Romanen, Novellen, Parodien, Gedichten illustriert er einen philosophischen Polarismus. In Zerrbildern will er die Erinnerung an „das göttlich geheimnisvolle Urbild des echten Lebens“ auffrischen.
Sein philosophisches Werk umfaßt neben der Dissertation (Jena 1902, bei Otto Liebmann) zwölf Bücher plus 170 Aufsätze und Rezensionen, in denen er sich scharfsinnig und hellsichtig mit den Zeitgenossen auseinandersetzt: Max Scheler, Ernst Bloch, Henri Bergson, Arthur Liebert, Walther Rathenau, Rudolf Kassner, Hugo Ball, Hans Reichenbach, Albert Einstein, Oswald Spengler, Werner Sombart, Samuel Lublinski, Carl Schleich, Emanuel Lasker, Paul Feldkeller, Ernst Barthel, Jean-Paul Sartre ...
Jedoch konnte Friedlaender/Mynona dem ”Ring der Knebelungen”, der sich in der späten Weimarer Republik um ihn schloß, nicht entrinnen. 1933 emigrierte er nach Paris, dort starb er 1946 in extremer Armut. Die meisten seiner 40 Bücher wurden nicht mehr aufgelegt, seine kleineren philosophischen Texte niemals vollständig gesammelt. So konnte nicht deutlich werden, daß er ein aktives Ferment in den Gärungsphasen zahlreicher Diskussionen bildete, die mittlerweile oft so bekannt scheinen, daß man es nicht mehr für nötig hält, nachzuforschen, wie sie sich entwickelt haben. Friedlaender gehört zur ersten Generation der Nietzscheaner, er war zu Gast bei „der stadtbekannten Schwester des weltbekannten Bruders“, Georg Simmel fördert nachdrücklich sein Nietzsche-Buch von 1911. Seit 1917 engagiert er sich mit Marcus in den Debatten um Kant und Einstein; er verteidigt Goethes Farbenlehre, gibt dem Psychologen Fritz Perls die Basis für seine Gestalttherapie, arbeitet zusammen mit Alfred Kubin, seinem Briefpartner über dreißig Jahre hinweg, schreibt die ersten Monographien über George Grosz und Remarque, übt früh Kritik an Freud und legt den philosophischen Grundstein des Dadaismus. Friedlaender/Mynona war befreundet und bekannt mit Paul Scheerbart, Kurt Hiller, Martin Buber, Walter Benjamin, Walter Hasenclever, Raoul Hausmann, Karl Kraus, Joseph Roth, Hannah Höch, Kurt Schwitters, Luwig Meidner, Arthur Segal ... In vielen Texten führt er einen erbitterten Kampf gegen den heraufziehenden Nationalsozialismus. Im Pariser Exil kann er unter widrigsten Umständen mehrere philosophische Werke abschließen, darunter die kantisch-kritische Revision seiner Schöpferischen Indifferenz von 1918 – Das magische Ich.
Von Mynonas rund 250 Grotesken erschienen nur etwa zwei Drittel in neueren Ausgaben. Hartmut Geerken edierte 1980 zwei Bände Prosa, 1986 mit Sigrid Hauff den Briefwechsel mit Alfred Kubin; 1989 gab Hauff den „Berliner Nachschlüsselroman“ Graue Magie neu heraus. In Zusammenarbeit mit Detlef Thiel erschienen bisher drei Bände: Das magische Ich (2001), Ich. Autobiographische Skizze (2003) und Kant für Kinder (2004).
Alleiniger Rechteinhaber an den Werken von Salomo Friedlaender/Mynona ist Hartmut Geerken (Postanschrift: Hartmut Geerken, Wartaweil 37, 82211 Herrsching, Deutschland).
In der Edition Salomo Friedlaender/Mynona, Gesammelte Schriften in 30 Bänden, herausgegeben von Hartmut Geerken und Detlef Thiel, in Zusammenarbeit mit der Kant-Forschungsstelle der Universität Trier, sind bisher erschienen:
- Band 1: Kant gegen Einstein. 2005. 208 S.
- Band 2/3: Philosophische Abhandlungen und Kritiken 1896-1946, I-II. 2006. 1076 S.
- Band 4: Bank der Spötter. Ein Unroman. 2007. 492 S.
- Band 5: Logik / Psychologie. 2007. 220 S.
- Band 6: Kant und die sieben Narren / Kantholizismus / Philosophischer Dialog / Dialog übers Ich.
2008. 268 S.
- Band 7/8: Grotesken, I-II. 2008. 1396 S.
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